Dr. Matthias Stiehler

Der Traum und die Lüge von einer glücklichen Kindheit

Frei­tag, 17. Juni 2016: Im SWR kam die Sen­dung “Nacht­ca­fé” mit dem The­ma “Kind­heit — prä­gend fürs Leben?” Gäs­te waren meh­re­re Men­schen, die in unter­schied­li­cher Wei­se eine schwie­ri­ge Kind­heit erleb­ten bzw. die ein kon­kre­tes Erleb­nis hat­ten, das schreck­lich und/oder trau­ma­ti­sie­rend war. All die­se Schick­sa­le berühr­ten und auch mich befiel Respekt vor der Kraft und dem Wil­len die­ser Men­schen, ihrem Schick­sal zu trot­zen und dem Leben Leben abzu­ge­win­nen.

Und den­noch war die­se Sen­dung von einer Lüge geprägt!

Nicht, weil die­se Men­schen, die von ihrem Schick­sal erzähl­ten, gelo­gen hät­ten. Das war nicht der Fall. Die Lüge betrifft eher die Macher der Sen­dung und viel­leicht auch uns Zuschau­er. Sie bestand in der kol­por­tier­ten Mei­nung, es gibt sol­che schreck­li­chen Erfah­run­gen, aber zugleich auch die Mög­lich­keit einer glück­li­chen Kind­heit. Der Mode­ra­tor, Micha­el Stein­bre­cher, stell­te genau die­se Fra­ge immer ein­mal wie­der: Was macht eine glück­li­che Kind­heit aus. Und ange­sichts der vor­ge­stell­ten, wirk­lich schwe­ren Schick­sa­le mag manch ein Zuschau­er zu der Über­zeu­gung gelan­gen, dass er selbst durch­aus eine glück­li­che Kind­heit hat­te. Doch stimmt das?

Kann es nicht sein, dass wir des­we­gen so gern auf sol­che schreck­li­chen Schick­sa­le schau­en, weil wir dadurch von unse­ren eige­nen Erfah­run­gen abge­lenkt wer­den, die viel­leicht nicht so offen­sicht­lich, aber den­noch wirk­lich schlimm waren?

Es stimmt schon, dass Men­schen in ihrer Kind­heit beson­ders furcht­ba­re Erfah­run­gen machen muss­ten und müs­sen. Aber gibt es des­we­gen als Gegen­part wirk­lich glück­li­che Kind­hei­ten? Mei­ne Erfah­rung aus unzäh­li­gen Bera­tun­gen ist viel­mehr, dass sich vie­le Men­schen des­we­gen die Geschich­te einer glück­li­chen Kind­heit erzäh­len, um damit eige­ne schlim­me Erfah­run­gen von Ein­sam­keit, emo­tio­na­len Miss­brauch, Ver­nach­läs­si­gung, Unver­stan­den­sein, Ent­wer­tung und und und … nicht erin­nern zu müs­sen.

Sicher, die meis­ten Eltern wol­len in den aller­meis­ten Fäl­len ihren Kin­dern nichts Böses antun. Und den­noch ist jedes Kind mit ihren unver­meid­li­chen Gren­zen kon­fron­tiert und wächst damit auf. Das ist dann zumeist nicht im streng psy­cho­lo­gi­schen Sinn trau­ma­tisch. Aber es fügt der kind­li­chen See­le den­noch Wun­den zu. Die all­täg­li­chen Erfah­run­gen von Ein­sam­keit, emo­tio­na­len Miss­brauch, Ver­nach­läs­si­gung, Unver­stan­den­sein, Ent­wer­tung und und und … hin­ter­las­sen ihre Spu­ren — bei jedem. Das ist so. Und im Ergeb­nis leben wir mit hung­ri­gen See­len, die nie wirk­lich satt wer­den.

Die offen­sicht­lich schlim­men Schick­sa­le, von denen im Nacht­ca­fé der SWR am 17. Juni 2016 berich­tet wur­den, soll­ten uns also nicht ins Mit­leid füh­ren (“Ach, wie hat­ten sie es schwer, die Armen.”), son­dern in die Soli­da­ri­tät, in die Empa­thie: Wir sind alle ver­letz­te See­len, die das jeweils eige­ne, ganz indi­vi­du­el­le Schick­sal ertra­gen muss­ten. Uns alle trennt in die­ser Bezie­hung nicht viel.

Im Buch »Ist Gott noch zu ret­ten?« wird die grund­sätz­li­che Situa­ti­on eines jeden Men­schen, dass er Erfah­run­gen machen muss, dass sich das Ver­spre­chen auf Leben nie wirk­lich, nie sät­ti­gend erfüllt, in den Kapi­teln “Die Begren­zung unse­rer Leben­dig­keit”, “Die Rea­li­tät mensch­li­cher Ent­frem­dung” und “Der Schmer­zens­mann” dar­ge­stellt.

Mat­thi­as Stieh­ler
Ist Gott noch zu ret­ten?
Wor­an wir glau­ben kön­nen

Ver­lag tre­di­ti­on Ham­burg 2016

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