Dr. Matthias Stiehler

Die Grenzen unserer Wünsche

Eine Fallbeispiel

Eine Frau berich­tet von ihrer Geburt: “Es war für mei­ne Mut­ter sehr schwie­rig. Sie hat­te einen Nie­ren­stein und die Nie­re infi­zier­te sich schwer. Damals waren die dia­gnos­ti­schen Mög­lich­kei­ten auch nicht so gut. Auf jeden Fall war mei­ne Mut­ter die ers­ten drei Wochen nach mei­ner Geburt im Kran­ken­haus. Eine Nie­re muss­te ent­fernt wer­den. Ich weiß nicht, wo ich in die­ser Zeit war, aber ver­mut­lich auf der Baby­sta­ti­on im Kran­ken­haus. Mei­ne Mut­ter sag­te mir, dass sie in die­ser Zeit kei­nen Kon­takt zu mir hat­te. Sie wur­de dann sehr schnell wie­der schwan­ger, nach drei Mona­ten. Aber sie hat das Kind auf Rat der Ärz­te abge­trie­ben. Sie haben ihr gesagt, dass es über­haupt nicht gut sei, wenn sie noch­mal ein Kind bekommt. Daher bin ich Ein­zel­kind geblie­ben, obwohl sich mei­ne Eltern nach ihren Aus­sa­gen immer meh­re­re Kin­der gewünscht haben.”

Die Frau ist über ihre aktu­el­le Situa­ti­on unglück­lich. Sie ist jetzt Ende Drei­ßig hat ein Kind und wünscht sich ein zwei­tes sehr. Aber schon die Zeu­gung und Geburt des ers­ten war aus­ge­spro­chen schwie­rig und aller Ver­su­che zum Trotz hat es mit der zwei­ten Schwan­ger­schaft bis­her nicht geklappt. Ihre Ehe lei­det dar­un­ter.

Dem ers­ten Anschein nach kann die Frau den­noch mit ihrem Leben zufrie­den sein. Sie hat sich — wie man so sagt — “aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen hoch­ge­ar­bei­tet”. Sie ist Ärz­tin, sie ist ver­hei­ra­tet und hat ein gesun­des Kind, sie hat Freun­de. Es scheint ihr an nichts zu man­geln — außer eben, dass es mit dem zwei­ten Kind nicht klappt. Wahr­schein­lich wür­de manch einer die­se Frau mit ihrem Beruf und ihrer Fami­lie benei­den.

Bei genau­er Betrach­tung fal­len erstaun­li­che Bezü­ge ihres jet­zi­gen Lebens zu ihrer frü­hen Kind­heits­ge­schich­te auf:

Sie arbei­tet als Uro­lo­gin in einem Kran­ken­haus und küm­mert sich unter ande­rem um wer­den­de Müt­ter mit Nie­ren­pro­ble­men. Nach eige­ner Aus­sa­ge hilft sie ihnen in Situa­tio­nen, in der ihrer Mut­ter damals nicht gut gehol­fen wer­den konn­te. Für sie gäbe es jetzt auch kei­nen Grund, dass solch eine Mut­ter nicht noch ein zwei­tes Kind bekä­me.

In der Schwan­ger­schaft mit dem ers­ten Kind ent­wi­ckel­te sich bei ihr ein HELLP-Syn­drom. Das ist eine Blu­ter­kran­kung, von der die Leber betrof­fen ist. Auch die Nie­re kann betrof­fen sein und die Erkra­nung stellt durch­aus eine Gefahr für Mut­ter und Kind dar. Sie hat­te meh­re­re Wochen Schmer­zen, die nicht rich­tig behan­delt wer­den konn­ten, um das Kind nicht zu gefähr­den. Erst nach der Geburt des Kin­des wur­de sie inten­siv behan­delt. Das Kind wur­de sehr früh geholt (unter 1000 g) und war län­ge­re Zeit auf der Inten­siv­sta­ti­on. Der Vater war in die­ser Zeit bei dem Kind im Kran­ken­haus.

Sie möch­te unbe­dingt ein zwei­tes Kind, ein Geschwis­ter für ihr ers­tes — das, was sie selbst nicht hat­te (abge­trie­ben, ver­hin­dert). Es ist so, als wol­le sie die Wun­de von damals hei­len. Aber es klappt ein­fach nicht. Die Frau weint herz­zer­rei­ßend als sie das erzählt.

Das Schick­sal die­ser Frau ist bei­spiel­haft. Sie führt ein gutes Leben. Sie ist recht erfolg­reich und von außen betrach­tet sind sie und ihre Fami­lie voll­kom­men nor­mal. Es gibt kei­ne mate­ri­el­le Not und “es läuft” schein­bar. Zugleich müs­sen wir bei genaue­rem Hin­se­hen erken­nen, dass ihre beruf­li­chen Ent­schei­dun­gen und ihre per­sön­li­chen Wün­sche und Erwar­tun­gen mit ihrem frü­hen Schick­sal zusam­men­hän­gen. Das geht bis in Zei­ten zurück, an die sie sich selbst gar nicht bewusst erin­nern kann. Ihre Lebens­ent­schei­dun­gen las­sen sich als ein unbe­wuss­ter Ver­such ver­ste­hen, frü­he see­li­sche Wun­den zu hei­len.

Natür­lich erwirbt sie sich Kom­pe­ten­zen und ist in ihrem Weg erfolg­reich. Aber die frü­hen Wun­den hei­len den­noch nicht. Bes­ten­falls wer­den sie über­deckt. Bei die­ser Frau bricht die Pro­ble­ma­tik durch den uner­füll­ten Wunsch nach einem zwei­ten Kind auf und bringt ihr Leben aus dem Gleich­ge­wicht.

Wün­sche kön­nen sich also durch­aus erfül­len. Wir kön­nen ein gutes Leben, frei von mate­ri­el­len Sor­gen errei­chen, unse­ren Traum­be­ruf ergrei­fen, Part­ner­schaf­ten ein­ge­hen (oder auch nicht), Fami­li­en grün­den (oder auch nicht). Man­ches hängt von den gebo­te­nen Mög­lich­kei­ten und manch­mal auch von Zufäl­len ab. Aber mög­lich ist viel. Den­noch hei­len die Wun­den in unse­ren See­len nicht. Und auch wenn das Schick­sal die­ser Frau ihr eige­nes, ganz indi­vi­du­el­les Schick­sal ist, so habe ich doch noch nie einen Men­schen ohne Wun­den in der See­le ken­nen­ge­lernt. Jede Kind­heit kennt ähn­li­che Erleb­nis­se. Manch­mal gescha­hen sie so früh, dass sie dem Bewusst­sein nicht zugäng­lich sind. Für man­che Men­schen sind sie so unan­ge­nehm, schmerz­haft und viel­leicht auch scham­be­setzt, dass sie sie lie­ber ver­drän­gen. Aber die Wun­den sind den­noch da — immer.

Und sie sind nicht heil­bar. Alle Ver­su­che der Selbst­hei­lung — und als sol­che las­sen sich die aller­meis­ten Lebens­we­ge ver­ste­hen — kön­nen an die­ser Tat­sa­che nichts ändern. Gera­de des­we­gen ist es gut, wenn sich die Frau ihre Geschich­te aneig­net und bes­ser ver­steht, war­um sie so und nicht anders emp­fin­det. So wird es ihr mög­lich, ihr Schick­sal anzu­neh­men und die guten Mög­lich­kei­ten, die sie in ihrem Leben hat, zu nut­zen und zu wür­di­gen, ohne auf etwas zu hof­fen, was eine Illu­si­on ist.

Das ist das Plä­doy­er des Buchs »Ist Gott noch zu ret­ten?«.

Mat­thi­as Stieh­ler
Ist Gott noch zu ret­ten?
Wor­an wir glau­ben kön­nen

Ver­lag tre­di­ti­on Ham­burg 2016

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