Dr. Matthias Stiehler

Losing My Religion”

Vortrag auf den Choriner Tagen 2017

Zunächst set­ze ich mich in mei­nem Vor­trag mit der Tat­sa­che aus­ein­an­der, dass ich — wie jeder ande­re Mensch — Ver­let­zun­gen, Defi­zi­te und Unge­rech­tig­kei­ten in mei­ner See­le tra­ge, die zwar iden­ti­fi­zier­bar, aber nicht wirk­lich änder­bar sind. Ich kann die Ursa­chen mei­ner Ver­let­zun­gen im kon­kre­ten Gesche­hen erken­nen (das ist mei­ne frü­he Geschich­te), aber mir ist es nicht mög­lich, die­se Ver­let­zun­gen zu hei­len. Sie wir­ken, obwohl ich kei­ne Schuld an ihnen tra­ge, im wei­te­ren Leben fort und behin­dern mich bezie­hungs­wei­se ermög­li­chen mir nicht das Leben, das ich mir erseh­ne. Es gibt in die­sem Leben kein Heil und kei­ne Gerech­tig­keit (auch wenn man­ches viel­leicht etwas hei­ler und etwas gerech­ter gestal­tet wer­den kann). Wer etwas ande­res behaup­tet, macht sich und ande­ren Men­schen etwas vor — viel­leicht weil die Wahr­heit als zu schmerz­haft emp­fun­den wird.

Ich schil­de­re zu Beginn mei­nes Vor­trags ein Bei­spiel mei­nes Lebens, das aber so per­sön­lich ist und auch ande­re Men­schen benennt, dass ich es nicht öffent­lich dar­stel­len möch­te. Die­ser Text beginnt daher mit dem zwei­ten Teil des Vor­trags, in dem es um die reli­giö­se Dimen­si­on der benann­ten Lebens­tat­sa­che geht:

Den Weg, mit die­sem Loch in mei­ner See­le umzu­ge­hen, ken­ne ich und gehe ihn auch immer wie­der. Ich kann mir die Ursprün­ge deut­lich machen, ich kann dar­über wütend sein, ich kann heu­len. Aus die­ser Arbeit erwächst die Erkennt­nis, dass mein erwach­se­nes Leben nicht so schwarz-weiß ist, wie ich es manch­mal emp­fin­de. Ich habe ver­mut­lich den Erfolg, den ich ver­kraf­te. Noch mehr Anfra­gen zu Vor­trä­gen oder Lesun­gen kann ich rein zeit­lich gar nicht bedie­nen. Zudem weiß ich, dass kei­ne Aner­ken­nung die­ser Welt mei­ne frü­hen Wun­den hei­len kann. Den­noch bin ich wie­der und wie­der mit die­sem Loch in mei­ner See­le kon­fron­tiert. Und das schmerzt auch wie­der und wie­der. Und wenn ich die­se Tat­sa­che mit mei­nem Glau­ben kon­fron­tie­re, näm­lich, dass mir ein deut­lich schmerz­freie­res Leben ver­spro­chen wur­de, dann wer­de ich nicht nur auf mei­ne Eltern wütend, son­dern auch auf Gott. War­um hat der mir das so ein­ge­brockt? Er hät­te mir doch zumin­dest bes­se­re Eltern geben kön­nen .

Es gibt einen schö­nen Aus­druck aus den US-ame­ri­ka­ni­schen Süd­staa­ten, der dann gebraucht wird, wenn die Leu­te die Nase voll haben. Er lau­tet: “Losing My Reli­gi­on”, wört­lich über­setzt: “Mei­ne Reli­gi­on geht ver­lo­ren”. Man kann es auch etwas pro­fa­ner mit “Ich fah­re aus der Haut!” wie­der­ge­ben. Oder viel­leicht noch bes­ser: “Ich ver­lie­re die Fas­sung.” Der Bezug der eng­li­schen Ori­gi­nal­fas­sung zur Reli­gi­on gefällt mir als Theo­lo­gen natür­lich sehr gut. Denn was ist das für eine Welt, die die­se Uner­löst­heit für mich bereit­hält? Was ist das für ein Gott, der eine schmer­zen­de Welt erschaf­fen hat? Und natür­lich weiß ich, dass ich mich noch auf der Son­nen­sei­te befin­de. Täg­lich höre ich von getö­te­ten Kin­dern, die nicht ein­mal die Chan­ce hat­ten, gute Augen­bli­cke zu erle­ben. Ich möch­te mich mit den noch schlim­me­ren Schick­sa­len aber auch nicht trös­ten. Denn ich tra­ge eine ver­letz­te, schmer­zen­de See­le in mir.

Mir geht mei­ne Reli­gi­on ver­lo­ren.” Das soll­te nach mei­ner tie­fen Über­zeu­gung die zen­tra­le theo­lo­gi­sche Aus­sa­ge in der heu­ti­gen Zeit sein.

Das, was uns Jahr­hun­der­te lang von den Kir­chen vor­ge­macht wur­de, dass Gott es letzt­lich doch rich­ten und unse­re Welt gut machen wird, kön­nen wir getrost ver­ges­sen. Doro­thee Söl­le sag­te ein­mal zurecht: “Kein Him­mel kann so etwas wie Ausch­witz wie­der­gut­ma­chen.” Und dass die Welt im irdi­schen Sinn ein­mal bes­ser wird — also nicht nur punk­tu­ell, son­dern wirk­lich bes­ser — das glau­ben doch nicht ein­mal mehr die Sta­li­nis­ten.

Unse­re Welt wird nicht gut. Bei aller Sehn­sucht, aus dem fal­schen Leben her­aus­zu­kom­men, wird genau das nicht ein­tref­fen. Die­se Aner­kennt­nis, die — wie gesagt — das zer­stört, was uns seit Men­schen­ge­den­ken als Reli­gi­on vor­ge­macht wur­de, ermög­licht es dann aber auch, einen Schritt wei­ter zu gehen und aus der Ver­zweif­lung her­aus­zu­kom­men. Aber es braucht eben erst ein­mal die­se Aner­kennt­nis: Zu hof­fen, dass sich das Ver­spre­chen des Lebens erfüllt — und in die­ser Hoff­nung zu schei­tern. Das eröff­net wahr­haf­ti­ges Leben. Zunächst im Schmerz und dann in der Befrei­ung, die dar­in liegt, von illu­so­ri­schen Hoff­nun­gen zu las­sen. Des­halb behaup­te ich, dass die wah­re Erlö­sung in der Erkennt­nis und vor allem in der tie­fen Aner­kennt­nis besteht, dass es kei­ne Erlö­sung gibt. In die­ser Aner­kennt­nis fin­det unser Leben Tie­fe. Es ist der Weg zum wahr­haf­ti­gen Leben, einem Leben, das zual­ler­erst weh tut.

Dabei gibt es neben den kon­kre­ten, mit den ganz unmit­tel­bar erfah­re­nen Bedro­hun­gen, Ver­let­zun­gen, Mani­pu­la­tio­nen zusam­men­hän­gen­den Schmer­zen etwas, was ich als spi­ri­tu­el­len Schmerz bezeich­nen möch­te. Es ist die Tat­sa­che, dass all die Ver­let­zun­gen nie vor­bei­ge­hen, dass es kei­ne Gerech­tig­keit und schon gar kei­ne Hei­lung gibt. Wir wer­den für unse­re Ent­frem­dung vom Leben, für all das, was uns unver­schul­det ange­tan wur­de und für all das, was uns in der Fol­ge nicht gelingt, wir wer­den für all die See­len­schmer­zen nicht ent­lohnt.

Ver­rück­ter­wei­se liegt für mich in die­ser Tat­sa­che sogar ein Trost. Denn sie zeigt mir, dass es dar­auf also nicht ankom­men darf. Wor­auf es viel­mehr ankommt ist, das Leben als sol­ches anzu­neh­men — und zwar so, wie es ist. Mit all mei­nen eben auch vor­han­de­nen Begren­zun­gen, und dem, was ich ver­mag.

Es geht um ein Leben im Anstand, der dar­in liegt, das Lei­den nicht weg­zu­re­den, nicht weg­zu­tun, nicht weg­zu­hof­fen. Dar­in füh­le ich mich dann Gott nah und ihm ver­bun­den. Das ist kei­ne Reli­gi­on des pfäf­fi­schen Gewäschs, was aus den Kir­chen quillt und kaum zu ertra­gen ist. Es ist eine Reli­gi­on, die sich selbst ver­lo­ren hat und aus dem Abschied von den fal­schen Illu­sio­nen unse­rer fal­schen Welt das Leben — unser schmerz­haft schö­nes Leben — fei­ert. Das geht nicht immer, nicht ein­mal sehr oft. Wenn wir zu viel woll­ten, wären unse­re klei­nen Her­zen über­for­dert. Aber immer ein­mal unse­re ver­letz­te Got­tes­kind­schaft zu fei­ern — dafür lohnt es.

Mat­thi­as Stieh­ler
Ist Gott noch zu ret­ten?
Wor­an wir glau­ben kön­nen

Ver­lag tre­di­ti­on Ham­burg 2016