Dr. Matthias Stiehler

Der Traum, unsterblich zu sein

Es wäre die Hölle

Es ist der 8. Mai 2016. Ich zap­pe an die­sem Sonn­tag ein wenig her­um und blei­be bei einer Gesprächs­sen­dung hän­gen. Peter Voß spricht mit der Schrift­stel­le­rin Thea Dorn über ihren Roman “Die Unglück­se­li­gen”. Es geht dar­in um den ver­meint­li­chen Mensch­heits­traum, den Tod zu besie­gen und unsterb­lich zu wer­den. In dem Gespräch sag­te Thea Dorn unter ande­rem, dass die Reli­gio­nen sich erle­digt hät­ten, wenn der Tod besiegt sei.

Nun kann es sicher nicht dar­um gehen, die Reli­gio­nen zu ver­tei­di­gen. Sie sind kein Selbst­zweck. Aber wenn es jemals ein Argu­ment gege­ben hat, war­um Reli­gio­nen nie­mals ster­ben soll­ten, dann die­ses: Wenn mit ihrem Ster­ben die Men­schen zu ster­ben auf­hö­ren, dann sol­len sie bit­te unsterb­lich sein.

Denn erst das Ster­ben macht das Leben wert­voll, erst der Schmerz eröff­net die Tie­fen­di­men­si­on des Glücks. Es wäre furcht­bar und eine rea­le Kata­stro­phe für jeden Men­schen, wenn er nicht mehr ster­ben müss­te. Auch wenn es im ers­ten Moment wie die Erfül­lung eines Mensch­heits­traums klingt, es wäre die Höl­le.

Doch wir kön­nen getrost sein: Egal, was sich man­che Men­schen für irr­sin­ni­ge Zie­le aus­den­ken (Goog­le grün­de­te bei­spiels­wei­se die Fir­ma Cali­co, deren Ziel es ist, das Altern zu ver­hin­dern und so das ewi­ge Leben zu errei­chen), den Tod wird es immer geben. Unsterb­lich­keit ist eine Mär, die grund­sätz­li­che Begren­zung gehört zum Leben. Gott­sei­dank! Und wenn wir die Aus­sa­ge von Thea Dorn ernst neh­men, dann ist die grund­sätz­li­che Begren­zung unse­res Lebens ver­mut­lich der ein­zig unschlag­ba­re Got­tes­be­weis.

Mat­thi­as Stieh­ler
Ist Gott noch zu ret­ten?
Wor­an wir glau­ben kön­nen

Ver­lag tre­di­ti­on Ham­burg 2016

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