Dr. Matthias Stiehler

Die Entgeistlichung der Kirchen

Ich lese die her­vor­ra­gen­de, weil sehr detail­lier­te und von Quel­len gesät­tig­te Bio­gra­fie von Heinz Schil­ling “Mar­tin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs”. Wenn sich alle Welt in die­sem Jahr mit dem his­to­ri­schen Luther befasst, so möch­te auch ich ver­ste­hen, was ihn damals trieb und was uns das heu­te leh­ren kann.

Was mich beim Lesen anweht ist zwei­er­lei. Da ist zum einen der gro­ße Glau­bens­mann. Mich fas­zi­niert, wie ernst er sei­nen Glau­ben nahm. Es ist die nicht zu wider­le­gen­de Hal­tung: Wenn es einen Gott gibt, durch den wir leben, dann müss­te die­sem Gott doch bei allem Den­ken und Tun ein wich­ti­ger Platz in unse­rem Leben und in unse­rer Welt ein­ge­räumt wer­den. Die­se Kon­se­quenz, die in dem Luther in den Mund geleg­ten Wort “Hier ste­he ich, ich kann nicht anders. Gott hel­fe mir. Amen.” in bei­spiel­haf­ter Wei­se zum Aus­druck kommt, zeigt Luthers Stär­ke und fas­zi­niert mich. Als Mensch der heu­ti­gen Zeit ken­ne ich solch einen Glau­ben kaum noch und bedaue­re dies.

Aber es gibt eben auch die ande­re Sei­te: Damit mei­ne ich das Schei­tern genau die­ses kon­se­quen­ten Anspruchs, der Luther aus sei­nem Glau­ben erwächst. Luther glaub­te an die über­le­ge­ne Wahr­heit des Chris­ten­tums und es ging ihm dar­um, ein Werk­zeug Got­tes im end­zeit­li­chen Rin­gen mit den Mäch­ten des Bösen zu sein. Das war der Grund­pfei­ler sei­nes Lebens und der Refor­ma­ti­on!

Das führ­te in man­chen Punk­ten und mit der Ernüch­te­rung der spä­ten Lebens­jah­re zuneh­mend zu einer Abkehr von der, letzt­lich sich eben anders dar­stel­len­den Rea­li­tät der Welt, vor allem aber des gött­li­chen Wir­kens. “Die Unfä­hig­keit, mit Anders­den­ken­den in einen Dia­log ein­zu­tre­ten, und der ihm gele­gent­lich selbst zur Qual wer­den­de Zwang, sie als Wider­sa­cher Got­tes zu bekämp­fen, waren die dunk­le Kehr­sei­te von Luthers pro­phe­ti­scher Selbst­si­cher­heit.” (Schil­ling S. 578)

Es ist gut, Luther als gro­ßen Mann sei­ner Zeit zu ver­ste­hen. Auch die Wir­kungs­ge­schich­te der Refor­ma­ti­on — kirch­lich wie gesell­schaft­lich — ist nicht zu über­schät­zen. Den­noch sind die für ihn so fun­da­men­ta­len Glau­bens­sät­ze ein hal­bes Jahr­tau­send alt. Und so revo­lu­tio­när sie für die dama­li­ge Zeit waren, so wenig kön­nen sie doch heu­te lei­ten­de Maß­stä­be unse­res Glau­bens sein. Luther war schon damals mit sei­nen Glau­bens­er­war­tun­gen und sei­nem Anspruch geschei­tert — wir wis­sen heu­te, dass er schei­tern muss­te. Den Sieg Got­tes, wie er ihn ersehn­te, gab es nie und kann es so auch nicht geben. Damit wird aber der exis­ten­zi­el­le Gehalt der refor­ma­to­ri­schen For­mel “Allein aus Gna­de” (sola fide, sola gra­tia) obso­let. (In den Nach­rich­ten wird gera­de von einem Gift­gas­an­schlag berich­tet, bei dem wie­der zahl­rei­che Kin­der ums Lebens kamen.)

Indem die luthe­ri­schen Kir­chen (und nicht nur sie) an der For­mel “Allein aus Gna­de” fest­hal­ten und sie zugleich — weil es in der heu­ti­gen Zeit gar nicht anders mög­lich ist — ihrer exis­ten­zi­el­len, end­zeit­li­chen Dimen­si­on ent­klei­den, leis­ten sie der mas­sen­haf­ten Abkehr vom christ­li­chen Glau­ben Vor­schub. Es ist eine Ent­geist­li­chung der Kir­chen, die wir fest­stel­len müs­sen. Aber nicht, weil sie nicht mehr so wie Luther glau­ben, son­dern weil sie glau­ben, sie könn­ten noch wie Luther glau­ben. Ich ver­mu­te, Luther wäre der fes­ten Über­zeu­gung, dass da der Teu­fel sei­ne Hand im Spiel hat.

Mat­thi­as Stieh­ler
Ist Gott noch zu ret­ten?
Wor­an wir glau­ben kön­nen

Ver­lag tre­di­ti­on Ham­burg 2016

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