Dr. Matthias Stiehler

Weihnachten ist wie Komasaufen

Es ist wie­der Weih­nach­ten, Hei­lig­abend. Mil­lio­nen Men­schen strö­men auch in unse­rem Land in die Kir­chen — auf der Suche nach etwas, was sie in ihrem Leben all­zu oft ver­mis­sen: Frie­den, Lie­be, Ver­trau­en in sich und die Welt. Und nun wird ihnen all das ver­spro­chen. “Der Erlö­ser ist da! Unse­re Sehn­sucht erfüllt sich!”

Das ist die Weih­nachts­bot­schaft: Die Sehn­sucht nach einem hei­len Leben wird nicht nur vor unse­re Augen geführt, es wird deren Erfül­lung pro­kla­miert. “Gott bricht hin­ein in das Dun­kel der Welt und bringt ihr sein Licht.” So und ähn­lich tönt es von den Kan­zeln. Und die Men­schen strö­men her­bei, weil sie die­se Sehn­sucht auch in ihren Her­zen tra­gen — und dabei ist es vie­len sogar egal, ob sie an einen Gott glau­ben oder nicht.

Die ers­te Wahr­heit von Weih­nach­ten ist dem­nach, dass jeder Mensch die Sehn­sucht nach einem hei­len Leben in sich trägt. Vie­le befas­sen sich zwar damit das gan­ze Jahr nicht. Der All­tag ver­deckt die Sehn­sucht und auch den Schmerz über die Uner­löst­heit unse­rer Welt und unse­rer Leben. Aber wenigs­tens die­ses eine Mal im Jahr wird die Sehn­sucht bei vie­len Men­schen wach­ge­rüt­telt. Des­halb die­se Stim­mung in der Vor­weih­nachts­zeit, des­halb die Geschen­ke­flut, des­halb die Erwar­tung an ein “fried­li­ches Fest im Scho­ße der Fami­lie”. Und des­halb auch die­se ent­schie­de­nen Weih­nachts­ver­äch­ter. Sie weh­ren sich gegen das Auf­kom­men der Sehn­sucht auch in sich selbst.

Die Wahr­heit, dass wir im Grun­de alle die Sehn­sucht nach einem hei­len Leben in uns tra­gen, schließt aber auch die ande­re, die zwei­te Wahr­heit von Weih­nach­ten mit ein: Unse­re Welt ist so ganz anders als es die Ver­hei­ßung zeigt. Und auch das wird wie­der und wie­der von den Kan­zeln gepre­digt: Unse­re Welt ist vol­ler Krie­ge, Zer­stö­rung und Ter­ror. All die Frie­dens­be­mü­hun­gen, all die Initia­ti­ven zur Ret­tung unse­rer Welt brin­gen bes­ten­falls Momen­te des Durch­at­mens. Ver­än­dert hat sich der Zustand unse­rer Welt dadurch nie. Und auch unser ganz indi­vi­du­el­les Leben ist bes­ten­falls von kur­zen Momen­ten des Glücks durch­drun­gen. Ein wirk­lich hei­les Leben — so wie wir es uns erseh­nen — gibt es nicht.

Auch zu Weih­nach­ten wird die Welt so beschrie­ben, wie sie ist. Und es wird an unse­rer Sehn­sucht gerührt, dass es anders sein möge. So weit, so rich­tig.

Dann aber kippt die Bot­schaft der Kan­zeln ins Lächer­li­che. Denn es wird die Erfül­lung unse­rer Sehn­sucht pro­kla­miert. Was aber ist das ande­res als ein Kin­der­glau­be. Die Beschwö­rung all des­sen, was wir NICHT erfah­ren? Es ist die absur­de Hoff­nung, dass durch Schön­re­den die Welt schön wird.

Natür­lich las­sen sich die Men­schen in dem Moment des Got­tes­diens­tes an Hei­lig­abend durch die Beschwö­rungs­for­meln anspre­chen. Man möch­te es ja auch gern glau­ben. Und ein paar Minu­ten oder Stun­den hält das Gefühl viel­leicht sogar an. Aber Bestand hat es kei­nes­falls. Oft zeigt der Streit in den Fami­li­en zu Weih­nacht ja bereits, dass die Rea­li­tät schnell wie­der in unser Leben hin­ein­bricht.

Was Weih­nach­ten regel­mä­ßig ver­mie­den wird, ist der Schmerz dar­über, dass sich die Sehn­sucht nach einem hei­len Leben eben nicht erfüllt. Die­ser Schmerz wird durch die Beschwö­rungs­for­meln der Kir­chen ver­deckt.

Und des­halb kom­men die meis­ten Men­schen auch nur ein­mal im Jahr in die Kir­che. Es ist nicht viel ande­res als Koma­saufen. Wenn man wie­der nüch­tern wird, greift die Rea­li­tät (die Wahr­heit!) wie­der voll zu und zeigt, was von den Ver­spre­chun­gen des Chris­ten­tums übrig ist: nichts. Des­halb gilt es dann, die Sehn­sucht nach ech­tem Leben wie­der durch die Macht des All­tags zu über­de­cken. Denn der Schmerz der uner­füll­ten und uner­füll­ba­ren Sehn­süch­te soll weder in den Weih­nachts­got­tes­diens­ten noch im all­täg­li­chen Leben gespürt wer­den. Ist ange­sichts die­ser Koali­ti­on der Ver­leug­nung und Ver­drän­gung Gott eigent­lich noch zu ret­ten?

Mat­thi­as Stieh­ler
Ist Gott noch zu ret­ten?
Wor­an wir glau­ben kön­nen

Ver­lag tre­di­ti­on Ham­burg 2016

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